Liebes Internet,

ist dir die Energiekrise schon aufgefallen? Ich meine, du als direkt Erzeugnis der IT-Branche, die mit 2% Anteil am weltweiten CO2-Austoss beteiligt ist, müsstest doch direkt spüren, wie dir durch intelligente Schaltkreise und OnDemand-Stromfluss buchstäblich der Saft abgedreht wird? Nein? Auch nicht momentan?

Komisch, denn Berlin ist momentan mal wieder hell erleuchtet und das erhitzt dabei nicht die Glühbirnchen, die in den Straßen und auf den Köpfen der Gesellschaftskritiker verankert sind, sondern auch die Gemüter. Ist es moralisch vertretbar in unserer Verschwendungsgesellschaft ein solchen Touri-Magneten zu initiieren, der eigentlich nur beinhaltet, die immer selben Attraktionen farblich aufzupimpen? Da heult man medienlandschaftsweit rum, man müsse jetzt endlich mal was gegen den Klimawandel tun und dabei müsse jeder bei sich zuhause anfangen. Zur gleichen Zeit – wo ich schuldbewusst und ökologisch geläutert – die Heizung runterdrehe und immer brav das Licht ausknipse, wird in Berlin Mitte 12 Tage lang die Stromzähler-Polka getanzt. Und da ist es mir egal, ob die Energiesparlampen benutzen, welche Stiftung die Rechnung bezahlt und welcher Ökostrom-Konzern die Schirmherrschaft für diese babylonische Lichtshow übernimmt. Drauf geschissen.

Ebenso wurscht ist mir diese Öko-Diskussion. Ehrlich.

2009-10-23 - Festival of Lights - Unter den Linden

Der Grund für dieses metaphorische “Should I stay or should I go” ist ein nostalgischer. Wir erinnern uns.

Wir schreiben das Jahr 2006 und meine beste Lichtgestalt und ich waren eines dieser frischen Pärchen. Turtelnd und zum Kotzen albern (wie heute eigentlich immer) flanierten wir eng umschlungen, er Milchkaffee – ich Chai Latte to go (manche Dinge ändern sich nie), den illuminierten Alexanderplatz entlang (das Alexa gabs damals noch nicht), wir ließen uns mit der Masse an Leute die Karl-Liebknecht-Straße entlang schieben. Entdeckten hübsche Installationen am Spreeufer gegenüber des Berliner Doms, lustwandelten im Lustgarten nach vorne zu den unter den Linden, vorbei an der Humboldt-Uni und immer weiter und weiter bis zum Brandenburger Tor und der Goldelse. Die Zeit lief langsam, denn wir hatten sie im Überfluss. Und alles war hell und bunt und wunschschön.

Im Jahr 2007 war es ähnlich, nur mit mehr Schubsen und Drängeln.
Im Jahr 2008 war es ätzend, klirrend kalt und irgendwie nicht mehr so schön. Die Installationen lieblos zusammengezimmert, unstimmig und doof. Wenn ich micht recht erinnere, regnete es auch die ganze Zeit.
Im Jahr 2009 ließen wir den Spießrutenlauf ausfallen und blieben romantisch auf der heimischen Couch.
Im Jahr 2010 überlege ich krampfhaft, ob ich noch einen Versuch wage.

Ist es so wie im richtigen Leben? Dass manche Dinge einmalig bleiben sollten? Was fürn Blödsinn.

Ich bin doch selber Schuld, wenn ich mir aus Angst vor Enttäuschung, eine einmalige Gelegenheit entgehen lassen, mit dem besten Stromversorger von allen hemmungslos auf offener Straße anzugeben. Und so oft gibts Chai Latte to go auch nicht mehr. Und außerdem könnte man ja wieder über die doofen Touri-Herden bloggen, die gucken, als hätten sie zu Lebzeiten noch kein buntes Licht gesehen. Und und und.

Und außerdem, wäre der schöne Ökostrom ja total verschwendet, wenn keiner hingehen würde, um zu gucken oder?


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