Liebe kann viele verschiedene Gesichter haben und oftmals wandelt sich auch ihre äußere Erscheinung im Laufe der Zeit. Ich meine nicht die Kino-Liebe, das Um-jeden-Preis-geliebt-werden-wollen oder die simple aber phantastische 1+1=♥-Gleichung.

Ich spreche von der embryonalen Entwicklungsstufe, über das kindliche Liebhaben des pochenden, warmen Stück Fells unter der Streichelhand bis über das erste, tatsächliche, meist unglückliche Verliebtsein – das alles ist die Liebe, die ich in diesem Zusammenhang meine. Auch Erinnerungen können Liebe sein. Meine erste bewusste Erinnerung als große Schwester zum Beispiel oder das Gefühl von heißgeriebenen Händen im Winter, solche Dinge meine ich.

Damit meine ich Gedanken, die voller Liebe sind. Das Türaufhalten, das Im-Bus-aufstehen, das Wort-für-Fremde-erheben – letzendlich das Mitdenken und Mitfühlen, nicht nur für einen selbst, sondern erst recht für andere.

Je älter ich werde, desto mehr hat Liebe etwas mit anderen zu tun, als mit mir selbst. Und ich habe übrigens die beste Mutter der Welt.

Ja klar, ihr könnt mich jetzt Lügen strafen und so ungeheuerliche Dinge behaupten wie, dass eure Mütter viel besser sind. Aber nur durch meine Mutter kann Liebe auch etwas so sein wie Rindwurst.

Wahrscheinlich ist es höchstgradig albern, die Worte zu schreiben. Wie für den Rest meiner traurigen Schreiberei gibt es für solche Dinge kein Publikum. Und vermutlich wissen selbst diejenigen, die mich am besten kennen, nicht, was das hier alles zu bedeuten hat. Ich mach es kurz:

Vor ein paar Wochen telefoniere ich mit meiner Mutter. Ich rufe regelmäßig an, denn ich bin ein gutes Kind. Uns trennen schätzungsweise 400km und das sind Welten und Lichtjahre für das Tochterdenken. Im Tochterdenken ist auch verankert, dass die Marga-Mama die beste Köchin der Welt ist. Kindheitserinnerungen beruhen zum Teil auch auf griechischen Kulinarismen, Fettaugen auf Rindfleischsuppen, Mohrenkopf-Torten und essbaren Weihnachtstraditionen. Wenn ich also hungrig bin – und das war zu dem Zeitpunkt sehr – frage ich sie, was sie für sich und den Marga-Papa kocht.

Sie sagt: “Rindswurst!” – Sie sagt das mit dieser entzückenden südhessischen Färbung, die ihr der lange Aufenthalt dort eingebracht hat.

Rindswurst. Seit dem 18. Januar 1894 – und als Altervorsorge für das junge, verliebte Metzger-Ehepaar Gref-Völsing gedacht – gibt es sie und sollte vor allen Dingen jüdische Wurstliebhaber ansprechen. Es gibt sie in Berlin nicht. Was traurig ist. Zum einen für die Hauptstadt, zum anderen für die Marga.

Ich sage: “Boah, da hätte ich auch mal wieder Bock drauf. Gibbets in Berlin ja nicht.” – Ich sage das mit einer gewissen Wehmut, weil 400km eben 400km sind und ich mich nicht schnell selbst zum Essen einladen kann. Thema gegessen.

Und so wird aus einem Nebensatz eine Liebeserklärung.

Ich kriege gestern Post. Das ist nichts Neues. Paket von Marga-Mama. Stimmt, die wollte mir ein paar Unterlagen schicken. Hat sie auch. Und zwei Packungen Rindswurst.

Danke Mama.

Deine Tochter

P.S: Früher hiess es “Willst du deine Tochter retten – schick ich Geld und Zigaretten!”. Es reimt sich nichts auf Wurst.

P.P.S: Meine Mama hat auch schon Suppe und Sauce mit der Post verschickt. Mit Tiefkühl-Akkus. In Alufolie. Sehr zu empfehlen.

P.P.P.S: Es ist albern. Die Überschrift ist albern. Der Text ist albern. Ich bin albern. Aber wenigestens hat man mich lieb.


Related Posts with Thumbnails
 

2 Responses to Liebe ist Rindswurst.

  1. Glitzy says:

    ich hab dich auch lieb :-*

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Premium Wordpress Plugin
  • RSS
  • Twitter
  • Soup.io
  • Facebook